Wetter und Erträge in Mecklenburg-Vorpommern – eine Analyse (Teil 1)

Zur Zeit erleben wir hier in Mecklenburg-Vorpommern die größte und längste Dürreperiode seit Beginn der Wetteraufzeichnungen (Ich verwende dabei für meine Analysen die Daten und Berichte des Statistischen Landesamtes Mecklenburg-Vorpommern und des DWD, vorzugsweise für den Standort Schwerin). In meinem Beitrag vom 7. Juni „Diese Ernte wird eine Katastrophe“ bin ich bereits auf die gegenwärtige Situation auf den Feldern und auf die gesamte Problematik des Anbaujahres 2017/2018 eingegangen. Heute ist der 18. Juni, und die Situation hat sich weiter verschärft. Wahrscheinlich sieht Mecklenburg-Vorpommern seiner schlechtesten Ernte seit Beginn der Neunziger Jahre entgegen.
Zum Vergleich sehen Sie im untenstehenden Diagramm die Erträge von Winterweizen, Wintergerste und Getreide insgesamt in MV seit 1990:

Getreideerträge in Mecklenburg-Vorpommern von 1990 bis 2017, Winterweizen, Wintergerste, Getreide insgesamt in MV

Getreideerträge in Mecklenburg-Vorpommern von 1990 bis 2017

Es zeigt sehr deutlich die guten und die schlechten Erntejahre. 1992, 1996, 2003, 2007, 2011 und 2016 – in etwa alle 4 bis 5 Jahre – gab es, meist witterungsbedingt, schlechte Getreideernten. Dagegen konnten 1999, 2001, 2004, 2008 und 2009 hohe Ernten von über 70 dt/ha Getreide und 2014 und 2015 sogar über 80 dt/ha Getreide im Durchschnitt eingefahren werden. Was waren denn nun die entscheidenden Einflussfaktoren für die guten und die schlechten Jahre? – Eine kleine Analyse:

Beginnen wir mit den schlechten Jahren:

  • 1992: Der entscheidende Faktor für die schlechte Ernte war die lange Trockenperiode von der 2. Maidekade bis zur Ernte. Besonders auf den leichteren Standorten gab es extreme Ertragseinbrüche. Auf den besseren Böden überstand das Getreide die Trockenperiode dagegen recht gut, da die Herbstbestellung unter günstigen Bedingungen erfolgte, somit die Bewurzelung und Entwicklung der Bestände gut war und es keine Auswinterungsschäden gab. Außerdem war bis einschließlich erster Maidekade ausreichend Niederschlag gefallen.
  • 1996: Der sehr kalte Winter 1995/96 führte zu starken Auswinterungsschäden, die sich durch einen kalten und trockenen März und Trockenheit im April nicht wieder regenerieren konnten. Insbesondere die Wintergerste wurde hier sehr stark geschädigt.
  • 2003: Von Mitte August bis Ende September 2002 herrschte Trockenheit, die die Bestände verzögert und ungleichmäßig auflaufen ließ. Durch ein frühes Vegetationsende waren viele Saaten zu Winterbeginn nur unzureichend entwickelt. Kahlfrostperioden im Dezember und Februar führten zu einer weiteren Schädigung der Winterungen. Dazu kam besonders im östlichen Teil von MV ein trockenes Frühjahr mit ungewöhnlich hohen Temperaturen, das dann am Ende zu dünnen und schwach entwickelten Beständen bei Winterungen und Sommerungen führte. Die Küste und der Westen von MV waren in diesem Jahr weniger betroffen.
  • 2007: Die Herbstbestellung 2006 erfolgte termingerecht und gut. Herbst und Winter waren dann aber so außergewöhnlich warm wie nie zuvor, so dass sich die Winterungen sehr üppig entwickelten und zum Teil überwuchsen. Temperaturen von – 10 °C Ende Januar sorgten bei einigen überwachsenen Beständen für Auswinterungsschäden. Sechs Wochen Trockenheit von Ende März bis Anfang Mai führte dann zu deutlichen Trockenschäden auf den leichteren Böden. Sommerungen blieben durch die Trockenheit spärlich und dünn. Last not Least traten im Herbst und Winter 2006 in Gerste und Weizen starke Infektionen mit dem Gelbverzwergungsvirus durch Blattläuse auf, die vielfach zu deutlichen Ertragseinbußen führten. Stürme und Nässe seit Mai 2007 sorgten bei den üppigen und überwachsenen Beständen für massenhaftes Lager, das letztendlich zu einer erschwerten Ernte mit starken Ertragsverlusten führte. Die schlechte Ernte 2007 war damit zu einem gut Teil auch menschgemacht. Hier sind nicht nur die Witterungsunbilden schuld.
  • 2011: August und September 2010 waren überdurchschnittlich nass, so dass sich die Ernte verzögerte und die Herbstaussaat verspätet und unter grenzwertigen Bedingungen erfolgte. Der Oktober war kühl und der November vor allem sehr nass. In der letzten Novemberdekade begann bereits die Vegetationsruhe, und ab 25. November herrschte Dauerfrost. Dadurch war die Vorwinterentwicklung vieler Getreidebestände im Herbst 2010 nicht ausreichend. Der Dezember war der Kälteste seit 1969. Da aber meist eine geschlossene Schneedecke vorhanden war, traten zunächst keine Pflanzenschäden auf. Das besorgte dann der Februar 2011 mit starken Kahl- und Wechselfrösten. Diese führten besonders beim Raps zu starken Auswinterungsschäden. Das Getreide blieb noch weitgehend verschont. Ein kalter, trockener März mit Wechselfrösten verschlechterte die Situation auf den Feldern allerdings weiter. Ein später Vegetationsbeginn und ein trockener, sehr warmer April führte dann letztendlich zu meist dünnen und besonders auf den leichteren Standorten auch trockengeschädigten Wintergetreidebeständen. Das Ergebnis waren viele Bestände mit starker Spätverunkrautung und Zwiewuchs. Der regenreichste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen setzte schließlich allem die Krone auf. Die Wintergerste konnte noch einigermaßen trocken geborgen werden, allerdings lag sie erwartungsgemäß weit unter den Erträgen der Vorjahre. Bei den anderen Getreidearten führte die extreme Nässe zu Lager, Auswuchs, starken Qualitätsverlusten, hohen Trocknungskosten und weiteren Ertragsminderungen.Die Befahrbarkeit der Flächen war zum Teil nicht mehr gegeben, und die Ernte konnte insgesamt erst sehr spät beendet werden.
  • 2016: Nach einer guten bis befriedigenden Herbstbestellung hatte das Wintergetreide Ende November eine allgemein zufriedenstellende Vorwinterentwicklung erreicht. Der mildeste Dezember seit Beginn der Wetteraufzeichnungen brachte dann aber alles aus dem Gleichgewicht. Das Wachstum der Winterkulturen setzte sich fleißig fort, führte aber zu keinerlei Abhärtung der Pflanzen. Ein starker Kälteeinbruch Anfang Januar mit zweistelligen Minusgraden und Kahlfrösten führte zu starken Auswinterungsschäden bei den nicht abgehärteten Winterkulturen, vor allem ab Güstrow ostwärts. Dort konnten sich die geschädigten Kulturen aufgrund des folgenden trockenen Frühjahrs auch nicht wieder erholen, so dass die Durchschnittserträge bei Getreide im Osten von MV um fast ein Drittel gegenüber den Vorjahren sanken, während es in Westmecklenburg „nur“ knapp 20 % waren.
  • und zum Schluss 2018: Noch hat die Ernte nicht begonnen, aber trotzdem kann man schon feststellen: Das Anbaujahr 2017/2018 ist bisher das extremste Jahr von allen. Einem regenreichen Sommer 2017 folgte der nasseste Herbst seit Menschengedenken. Es gab im gesamten Herbst 2017 nur ein sehr kurzes Zeitfenster von maximal 14 Tagen (vom 18. September bis max. 1. Oktober), in dem die Böden so weit abgetrocknet waren, dass eine relativ normale Aussaat erfolgen konnte. Wer bis Anfang Oktober seine Wintersaaten nicht im Boden hatte, wartete vergeblich auf brauchbare Aussaatbedingungen. Es wurde immer nur noch nasser. Alle Saaten ab Anfang Oktober wurden daher deutlich zu nass bestellt. Viele Flächen blieben unbestellt, in der Hoffnung auf bessere Bedingungen im Frühjahr. Dezember und Januar 2018 blieben überdurchschnittlich mild und niederschlagsreich. Der eigentliche Winter setzte erst im Februar ein. Seinen Höhepunkt erreichte er Ende Februar /Anfang März mit Tiefsttemperaturen von örtlich fast – 20°C. Aber zu diesem Zeitpunkt waren die Kulturen durch eine Schneedecke geschützt, so dass keine weiteren Schäden entstanden. Der März 2018 war zu kalt und zu nass, so dass an die Aussaat von Sommerungen gar nicht zu denken war. Die Sommerkulturen konnten erst im April bestellt werden, meist auch noch unter grenzwertigen Bedingungen und relativ spät. Der April zeigte sich außergewöhnlich warm und trocken. Während am 1. April noch eine geschlossene Schneedecke lag, begann am 18. April mit Höchsttemperaturen von über 20°C bereits der Sommer – und damit die wohl längste Trockenperiode seit Menschengedenken. Der Mai war bisher mit großem Abstand der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, und der Juni steht ihm bisher nicht viel nach.
    Für Getreide und Raps hat das verheerende Folgen: Durch die Dauernässe von Herbst bis einschließlich März bildeten die Pflanzen nur ein sehr schwaches Wurzelsystem aus und gerieten mit Beginn der Trockenheit im Frühjahr sofort unter Trockenstress. Die Sommergetreidebestände sind aufgrund der extremen Witterung in diesem Jahr extrem dünn und extrem kurz, die Ertragserwartungen entsprechend gering. Überall mit Ausnahme eines schmalen Küstenstreifens sind schon starke Trockenschäden sichtbar, auf den leichten Böden ist die Ernte zum Teil bereits vertrocknet. Viele Betriebe fürchten um ihre Existenz.

…. Soweit zu den schlechten Jahren. Im nächsten Teil kommen wir dann zu der Frage: Was macht die guten Jahre aus?

 

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